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Von einer Verhaltensstörung spricht man nur dann, wenn dieses Verhalten dem Tier selbst schadet, bzw. es schwer beeinträchtigt. Den Menschen störendes Verhalten ist noch lange keine Verhaltensstörung.

Es gibt unterschiedliche Arten von Verhaltensstörungen, in der Humanmedizin werden sie klassifiziert, viele Hundetrainer übertragen sie eins zu eins auf den Hund – was wir zu vermeiden versuchen.

Stereotypien und Zwangsverhalten

Eine Stereotypie ist ein sich immer wiederholendes, zwanghaftes Verhalten, das in keinerlei Zusammenhang mit der aktuellen Situation steht. Ein motorischer Ablauf wird gleichförmig wiederholt.
Ein Zwangsverhalten unterscheidet sich von der Stereotypie dadurch, dass das Verhaltensziel zwar ebenfalls wiederholt wird – aber ohne stereotype Muster. Zudem unterscheiden sich auch die Vorgänge im Gehirn, eine Zwangshandlung wird von anderen Botenstoffen begleitet, als eine Stereotypie. Die Behandlung von Zwangshandlungen und Stereotypien ist in der (Human)medizin deshalb auch nicht dieselbe.

„Zwingerkoller“

Verhaltensstörungen können z.B. in Form von Lecken, Kauen, Beissen, heftigen Bewegungen, die von plötzlicher Starre unterbrochen werden, Schwanzjagen, Schattenjagen, Schnappen nach Lichtreflexen, gleichförmig wiederholtes Bellen oder auch stundenlanges Nicht-Bewegen mit apathischem Blick (selten wird diese Form der Apathie auch als Störung erkannt).

Selbstverletzung durch übersteigertes Knabbern an den Pfotenballen.

 

Amerikanische Studien stellten erstmals fest, dass sich Verhaltensstörungen bei verschiedenen Hunderassen unterschiedlich äußern, bestimmte Hunderassen neigen also zu speziellen Verhaltensstörungen.
Abnormale Verhaltensweisen werden durch zentralwirksame Hormone, wie z.B. Serotonin, Dopamin, Amphetamin, Apomorphin oder Acetycholin ausgelöst. Bei Wildtieren treten sie fast ausnahmslos bei Haltung in Gefangenschaft auf (z.B. Stereotypie bei Gehegehaltung. Eine als unangenehm empfundene Anspannung (z.B. dauerhafter, krankmachender Stress) wird durch ein impulsives, stereotypisches Verhalten aufgelöst.

Die Verhaltensstörung wird bald automatisch, reflexartig ausgeführt, man spricht in der Humamedizin von einer „Impulskontrollstörung“, die zwar bewusst erlebt, aber nicht willentlich ausgeführt oder beendet werden kann. Beim Ausführen der Verhaltensstörung empfindet der oder die Betroffene keine Freude, aber die Anspannung kann so reduziert werden und für einen geringen Zeitraum fühlt er oder sie sich besser. Die ausgeführte Handlung führt nicht zum Verschwinden des Auslösers, aber zur kurzzeitigen Erleichterung. Die Handlung wird so (negativ) verstärkt und immer öfter und intensiver ausgeführt.
Je nachdem, was der auslösende Reiz einer Verhaltensstörung ist, und wie stark ausgeprägt sie auftritt, kann ein Alternativverhalten antrainiert und der Teufelskreis durchbrochen werden.

In der verhaltenstherapeutischen Tiermedizin wird davon ausgegangen, dass eine Verhaltensstörung grundsätzlich mit Angst zu tun hat und dass eine Bestrafung oder Unterbrechung einer Verhaltensstörung grundsätzlich kontraproduktiv sei, weil der Druck verstärkt und die Zwangshandlung so verschlimmert werden würde. Das ist unserer Erfahrung nach nicht (immer) korrekt, denn Verhaltensstörungen können z.B. durch übersteigertem Interesse an Spielzeug und Bewegungsreizen oder aufgrund von genetischer Disposition genauso auftreten. Stress ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Angst. Aus diesem Grund kann die Unterbrechung einer Verhaltensstörung nicht nur zwingend notwendig, sondern auch sinnvoll und heilsam sein.

Eine weitere Ursache für Verhaltensstörungen ist das Deprivationssyndrom. Darunter versteht man alle negativen psychischen und physischen Folgen durch mangelnde Zuneigung und Pflege, insbesondere von Säuglingen und Kindern bei Menschen, oder eben auch Welpen und Jungtieren. Auch längere Isolation (z.B. reine Zwingerhaltung mit mangelnden Sozialkontakten bei Tierheimen, Pensionen, Privatpersonen) kann zu Schäden (z.B. Hospitalismus) führen.

Eine einzige Ursache für Verhaltensstörungen kennt man nicht, sie werden vermutlich kombiniert (durch Hirnstoffwechselstörungen, Traumata, Gendefekte etc.) ausgelöst.

Behandlung mit Medikamenten

Bei der Therapie von Verhaltensstörungen steckt die Tiermedizin in den Kinderschuhen, da der tierische Patient nur über das gezeigte Verhalten Rückmeldung geben kann, ob eine Therapie anschlägt, oder nicht. Ein Hund kann aber nicht sagen, ob ihm von den Medikamenten schlecht wird, ob er nachts schlecht schläft, halluziniert oder gelegentlich eingeschränkt wahrnehmungsfähig ist.

Eine (alleinige) Heilung durch Psychopharmaka bei Hunden ist selten erreichbar, manchmal kontraproduktiv, kostspielig und deshalb nicht automatisch empfehlenswert. Nur wenige Tierärzte sind auf den Einsatz von Psychopharmaka wirklich spezialisiert und schöpfen aus einem reichen Erfahrungsschatz. Es gibt aber immer mehr Tierärzte, die Hand in Hand mit Haltern und Hundetrainern zusammen arbeiten und so Erfahrung sammeln und sie auch gerne weiter geben.

Da einige Gendefekte vermutlich im Zusammenhang mit Krampfanfällen stehen, die dann stereotypes Verhalten auslösen, kann eine Behandlung mit Neuroleptika Erfolg bringen. Generell gibt es Verhaltensstörungen, die Symptome einer Erkrankung sein können, wie z.B. leichte Formen der Epilepsie. Der Gang zum Neurologen macht zur Abklärung einer Verhaltensstörung Sinn.

Zerebralallergie

Es gibt Wissenschaftler, die annehmen, dass eine häufig noch unbekannte Ursache für Verhaltensstörungen eine zerebrale Futtermittelallergie sei. Eine Unverträglichkeit bestimmter Futtermittelbestandteile können von einem beeinträchtigten Immunsystem als „Bedrohung“ wahr genommen werden, weshalb der Körper stark auf sie reagiert. Durch die Fütterung von Allergenen in Fertigfutter kann über das Zentrale Nervensystem eine Zerebralallergie ausgelöst werden, die den Gehirnstoffwechsel beeinträchtigt.
Anders als bei üblichen Futtermittelallergien zeigen betroffene Hunde keine „erkennbaren“ Symptome, stattdessen äußert sich die Allergie in Form von neurotischem Kläffen, Hyperaktivität, Stereotypien, unangemessene Aggressivität, Apathie und Konzentrationsmangel. Häufig ziehen sich die Hunde in dunkle Räume zurück, jagen Phantome und hecheln verstärkt. Durch Ernährungsumstellung kann die Zerebralallergie innerhalb einiger Wochen abklingen.

Für einige Hundehalter klingt diese These eher unglaubwürdig. Der Trend zur Verhaltensänderung durch Inhaltsstoffe im Futter (z.B. Lammfleisch, Beruhigungsfuttermittel, Tabletten) oder Weglassen von bestimmten Bestandteilen (z.B. Mais) nimmt allerdings zu. Der Satz „Du bist, was du (fr)isst.“ ist jedoch ein Grundsatz und kein Blödsinn.

Futtermittelallergien, Rassezugehörigkeit, Krankheiten und/oder Schilddrüsenerkrankungen sind nicht die (alleinigen) Auslöser von Verhaltensstörungen, aber mögliche Indikatoren und bedürfen der Abklärung bei einem ambitionierten Tierarzt, wenn ein Hund Verhaltensstörungen zeigt.

Es gibt eine Vielzahl von Störungen des Verhaltens, die nicht zwingend stereotyp bzw. krankhaft sind. Manche Hunde fressen allen möglichen Kot, inklusive ihrem eigenen. Dahinter kann ein Nährstoffmangel, häufig aber auch einfach nur ein (erlerntes) Fehlverhalten stecken. Pferde neigen aus Langeweile, Bewegungsmangel oder fehlendem Sozialkontakt zum Koppen (Luftschlucken). Da Koppen in einigen Zuchtlinien verstärkt auftritt, liegt aber hier auch der Verdacht auf eine mögliche Vererbung nahe. (Koppen kann aber auch eine Reaktion auf ein Magengeschwür sein.)

Hat mein Hund eine Verhaltensstörung?
Diese Frage sollte ein Hundehalter zunächst abklären lassen, am besten bei spezialisierten, fachlich ausgebildeten Hundetrainern, die Verhaltensstörungen gesehen und nicht nur auf Seminaren davon gehört haben. Die Feststellung einer Verhaltensstörung ist nicht immer so einfach, wie viele Menschen meinen.

Was nun?
Nachdem eine Verhaltensstörung vermutet wird, ist es im Regelfall sinnvoll, körperliche Ursachen bei einem Tierarzt abzuklären.

Training.
Der Hundetrainer bespricht mit dem Hundehalter (und eventuell zusätzlich dem Tierarzt) den Trainingsplan und erklärt Trainingsmethoden und Vorgehensweise. Jedes Trainingsstunde sollte einen Fortschritt bringen und auch Hilfe für den Alltag, im häuslichen Umfeld beinhalten. Bei Verhaltensstörungen bringt es wenig, direkt und sofort nur an einem Symptom zu arbeiten, es bedarf ganzheitlicher Veränderungen im Verhalten bei Hund und Halter, um  dauerhaft aus dem entstandenen Teufelskreis auszubrechen.

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